Bondage Games – Von inneren Trieben gefesselt und gefangen

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Autor: Manfred Stockmann

Wenn du schon immer einmal wissen wolltest, wie es kommt, dass du dich selbst mit besten Absichten zuweilen immer tiefer ins Schlamassel manövriertest und an den Rand deiner Kräfte brachtest, dann könntest du in diesem Artikel eine Erklärung dafür finden. Denn unser Kopf ist ein wirklich fantastisches Instrument, allerdings hat er auch immer wieder seine Fehlfunktionen. Seine grauen Hochleistungszellen versagen bisweilen gerade dann ihren Dienst, wenn es wirklich darauf ankommt. Darum schauen wir doch mal, wie du diesen Fesseln auf die Spur kommen und dich sogar von ihnen befreien kannst. Dich erwarten interessante Erkenntnisse über dich, deine Teammitglieder, über Kunden und auch über deine Chefs.

Zunächst eine kleine wissenschaftliche Einordnung

 Als reflektierter Menschen ertappst du dich möglicherweise manchmal dabei, wie du auf unerwartete Situationen oder unter Druck reagierst, das dir im Nachhinein völlig unverständlich ist. 
Dazu steuerte der US-amerikanische Psychologe und Transaktionsanalytiker Taibi Kahler in den 1970ern das Konzept der Antreiber bei. „Antreiber sind“, so Kahler, „Verhaltensmuster, die als Lösungsversuche für emotional und existenziell bedrängende Situationen entwickelt wurden, in ihrem Ursprung also subjektiv Überlebensstrategien darstellten, und nach wie vor genutzt werden („alt und bewährt“). Daher sind sie so wirkmächtig.“

Psychologische Antreiber und wie sie uns sabotieren

Vermutlich erinnerst auch du dich an einen solchen Moment. Vielleicht war es ein Vorstellungsgespräch, eine Prüfung, eine Präsentation, ein Date mit dem/der Traumpartner*in. Es hat schon hunderte Male perfekt funktioniert und dann …. kompletter Black out. Du bist wie gefesselt und der Situation hilflos ausgeliefert. Alles rotiert, deine Gedanken fahren Karussell. Du weißt es besser. Vorher, und nachher. Aber genau dann, wenn es darauf ankommt, herrscht völlige Leere und Dunkelheit. Das Gehirn scheint sich abgeschaltet zu haben und stattdessen hat irgendeine Schad-Software die Steuerung übernommen. Und diese sorgt dafür, dass du exakt das Falsche denkst, sagst und tust.

„Was ein Mensch tut und was ihm gut tut, sind zwei verschiedene Dinge.“
– Charles Handy, irischer Wirtschafts- und Sozialphilosoph, *1932 –

Dieses Gefühl des gefesselt und ausgeliefert sein initiieren Innere Antreiber. Sie werden (unbewusst) aktiviert, wenn innerlich Stress erlebt wird. Dabei verstrickt sich die Person immer mehr in stressverursachendes Verhalten. Gerade in Situationen, in denen Gelassenheit, Übersicht, Distanz und schrittweises Vorgehen Not täten, wird das antreibergesteuerte Verhalten aktiviert, intensiviert und führt auf diese Weise immer tiefer in den Schlamassel.

Die “Wahl“ des Antreiberverhaltens ist eine Reaktion auf Verhaltensweisen und Erwartungen von wichtigen Bezugspersonen. Die Wahl wird zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr getroffen. Im Erwachsenenalter wird sie deshalb zumeist kaum hinterfragt, zählt sie doch zu den „bewährten“ Strategien individuellen Problemlösungsverhaltens. Doch gerade dann stoßen sie an ihre Grenzen, wie sich vor allem in Konfliktsituationen zeigt.

Taibi Kahler identifizierte in seinen Studien fünf Verhaltensweisen, mit denen die Versuchsteilnehmenden Probleme und Konflikte lösen wollten, diese aber stattdessen verschärft haben.

  • Try hard! – Streng dich (immer) an!
  • Be strong! – Sei (immer) stark!
  • Hurry up! – Beeil dich (immer)!
  • Be perfect! – Sei (immer) perfekt! 
  • Please me! – Mach’s allen (immer) recht! Sei anderen (immer) gefällig!

 Wirkung der Antreiber

Die Antreiber

  • sabotieren unseren Erfolg, indem sie uns in bestimmten Situationen die falschen Befehle einflüstern.
  • sind schuld an dem Stress, den wir erleben, weil sie uns unter Zeitdruck bringen oder Perfektion fordern.
  • unterminieren unser Selbstwertgefühl, weil wir, so unsinnig und völlig unrealistisch deren Forderungen auch sind, diese als Messlatte für unsere Eigenbeurteilung nehmen.
  • bestimmen das Maß, in dem wir uns erlauben, uns um unsere eigenen Wünsche und Belange zu kümmern.

 Psychologische Antreiber und wie sie uns sabotieren

Unsere fünf Antreiber

1. Try hard! – Streng dich (immer) an!
„Nichts ist leicht, mache alles mit viel Aufwand, gib nicht auf!“

Wenn du diesem Antreiber folgst, arbeitest du unbewusst nicht um der Zielerfüllung willen, sondern um des Arbeitsaufwandes willen. Erst wenn Arbeit „im Schweiße des eigenen Angesichts“ erbracht wird, ist sie gut. Leben ist grundsätzlich Mühe, Last und Schwere. Nicht klagen, kämpfen! Nur nicht lockerlassen, keine Müdigkeit vortäuschen, Arbeit ist Anstrengung! Was leicht von der Hand geht, ist nichts wert!

Psychologische Antreiber und wie sie und sabotieren

Sonne, Lächeln, Leichtigkeit oder lockeren Schrittes geht gar nicht; Die Füße schlürfen über den Boden, die Probleme der Welt lasten auf deinen Schultern. Die Lippen sind häufig gepresst, ein Lächeln kommt verkniffen und viele Sätze werden mit einem schweren Seufzer eingeleitet. Hinsetzen wird zum Sich-fallenlassen! Jede Aufgabe, ja generell alles ist schwierig und überhaupt normalerweise schier unmöglich. Aber nichts unversucht lassen, denn zu schaffen ist es eh‘ nicht. Aber irgendwer muss ja! Hilft ja nichts. Sisyphus als Rolemodel.

2. Be strong! – Sei (immer) stark!
„Beherrsche Dich, fühle nicht, mache es allein und ohne zu klagen!“

Das Leben ist eiserne Konsequenz. „Beiß’ auf die Zähne, beherrsche Dich, gib‘ Dir keine Blöße, suche keine Hilfe, bewahre Haltung, klage nicht, heul‘ nicht herum.“ – „Sei stark!“ ist der Aufruf zum Heldentum, der Versuch, nicht zu fühlen, Gefühlen keinen Raum zu geben, auch wenn sie emotional nicht zu verhindern sind. Der Körper wird beherrschbar gemacht für die Starken, Schmerzfreien, Harten.

Psychologische Antreiber und wie sie uns sabotieren

Der Unterschied zu den Angestrengten (Try hard)? Wenn die Harten wo hinkommen, finden sie dort die Angestrengten, die dort seit Monaten die Arbeit verrichten, schon vor. Wo die Starken nicht fühlen, sind die Angestrengten es, die es immer schwer brauchen. – „Sei stark!“ tötet das Lebendige und Humane, feiert sich der Einzelkämpfer, der (scheinbar) niemanden sonst braucht.
 

3. Hurry up! – Beeil dich (immer)!
„Sei noch schneller und erledige alles im größtmöglichen Tempo!“

Wenn du diesem Antreiber folgst, bist du schnell unterwegs, immer und überall. Du bist nie im „Hier und Jetzt“, bist schon wieder weiter und siehst beim Blick auf die Uhr nur Verlust.
Der Takt ist bei diesem Typus immer hoch, er ist stets eng getaktet; Phasen der Ruhe und Entspannung sind ihm ein Graus. Wer rastet der rostet. Unruhe ist sein Thema, Getriebensein charakterisiert ihn treffend und so ist er nie lange irgendwo. Er kommt später zu Terminen und verlässt sie vorzeitig. Gibt es mal eine (meist erzwungene) Pause, wird sie sofort für Nach- und Aufholarbeit eingesetzt.

Psychologischer Antreiber und wie sie uns sabotieren

Effizienz ist sein Lieblingsthema, mit Zeitmanagementsystemen ist er vertraut. Immer in Bewegung, gleichen E-Mails eher Bombardements und Telefonanrufe Gewehrsalven. Er kann nicht zuhören, geschweige denn aufnehmen – sein Kopf ist meist voll bis oben hin und in Gedanken schon wieder anderswo. Essen und Schlafen sind völlig überbewertet, so gleicht Essen einem Schlingen und Stopfen. Wenn das Smartphone es zulässt, tut’s auch eine Zigarette, hastig im Gehen.

4.Be perfect! – Sei (immer) perfekt!
„Mache alles genau und möglichst vollkommen!“

Wenn du diesem Antreiber folgst, hältst du Fehler für nicht akzeptabel, vor allem die eigenen. Du wirst keine Ruhe gegeben, bis auch alles perfekt ist, restlos, einwandfrei. Und, bitte, am besten nochmal prüfen!

Berichte werden x-fach überarbeitet, verworfen und neu geschrieben. E-Mails benötigen Stunden, vor allem die knappen Dreizeiler dauern ewig. Prüfungs- und Abgabetermine werden verschoben, da sich immer noch eine Wissenslücke auftut oder tun könnte. Ausbildungen, Fortbildungen, Jobs und Hobbys werden gar nicht erst begonnen, denn dann wärst du ja Anfänger! Das geht erstmal nur im Geheimen. Niemand darf davon erfahren oder Unvollkommenes sehen. Er kann sich zur ultimativen Qualitätserringung ergehen in unermüdlichem Testen, Probieren, Experimentieren und ständigem machen – nur nicht im abschließenden Fertigwerden.

Psychologische Antreiber und wie sie uns sabotieren

Erwartungen müssen generell übererfüllt werden, alles andere ist Schluderei. Kompromisslosigkeit ist ein vorherrschender Wesenszug, v.a. gegenüber sich selbst. Entwürfe teilen und Austausch im Team –   undenkbar. Unperfektes weiterzugeben ist ein Zeichen von Dilettantismus und für Versager.

5.Please me! – Mach‘s allen (immer) recht!
„Sei lieb, andere sind wichtiger, ihre Bedürfnisse gehen immer vor!“

Wenn du diesem Antreiber folgst, machst du dein inneres Wohlbefinden davon abhängig, ob der andere sich wohl fühlt. Du wirst voller Unsicherheit immer wieder auf den anderen eingehen, bis dieser sich „wohlfühlt“. Wenn du es „anderen (immer) recht machst“, glaubst du, die Verantwortung für das Wohlbefinden und die Gefühlswelt des anderen zu haben oder übernehmen zu müssen. Du verspürst den Drang unbedingt die Wünsche und Bedürfnisse der anderen (schon im Voraus) richtig zu erfassen und zu erfüllen, dies meist ohne nachzufragen, wie es ihnen tatsächlich geht. Undenkbar erscheint es dir, dass der andere bereits ohne deine „Hilfe“ zufrieden und glücklich wäre. Undenkbar ebenso, dass du als Sei-gefällig-Angetriebene*r zunächst an dich selbst denken dürftest, ehe du an die anderen denkst! Das führt mitunter zu sozial akzeptierten, wenn auch diktierenden Maßnahmen (denn ein Aufschub wird nicht geduldet!)!

Psychologische Antreiber und wie sie uns sabotieren

Harmonie geht dir über alles. Ja keine Kritik üben! Dem anderen bloß nicht zu nahetreten, auch wenn dieser grad durch deinen persönlichen Vorgarten trampelt. Please me-Typen phantasieren die Bedürfnisse ihrer Umwelt und machen sie sich zur Erfüllungsaufgabe. Oft gehen sie anderen mit ihrem „ich hab’s doch nur gut gemeint“ auf die Nerven.

„Im Alter von 36 Jahren entdeckte ich, dass das meiste,
was mir Eltern, Schule und Ausbilder vermittelt hatten, falsch ist.“

– Ernst Friedrich Schumacher, britischer Ökonom deutscher Herkunft, 1911-1977 –

Hast du dich schon wiedergefunden? Vermutlich stellst du fest, dass bei dir auch mal mehrere der Antreiber im Verbund wirken. Es ist auch üblicherweise sehr kontextabhängig, wann welches Antreiberverhalten als das aktuell dominante erkennbar wird.

Du willst jetzt mehr zu den Antreibern erfahren, z.B. wie sie sich in der Sprechweise, in der Wortwahl, in Gestik, Mimik und auch Körperhaltung im normalen Alltag zu erkennen geben? Oder auch, wie du das Konzept für dich und deine Führungsaufgaben wirkungsvoll nutzen und sogar Lösungswege aus den erlernten Mustern finden kannst? Dann folge diesem Link und verwende den Gutscheincode EKD2023-Free-Lesson zu einem Onlinekurs, der dich tiefer hineinführt.
 

Quellen:

  • Taibi Kahler / Hedges Caspers: The Miniskript, in TA Journal, Januar 1974
  • Taibi Kahler: Process Model – Persönlichkeitstypen, Miniskrips und Anpassungs-formen, dt. Ausgabe 2010
  • L. Schlegel / R. Jucker: Die Transaktionale Analyse, 2011
  • Sascha Weigel: Das Antreiberkonzept der Transaktionsanlyse, 2019
  • Bilder: depositphotos.com; Ch.-M. Münchow; eigene; Portraitfoto Stockmann: MI-KA-fotografie | Berlin

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